Architektur – Kultur – Bildung – Politik. Eine ménage à quatre.

aussen_1Zur Fachtagung „Die politische Dimension der kulturellen Bildung“ der Kulturagenten für kreative Schulen Thüringen und der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Thüringen bin ich allein schon deswegen gefahren, weil das Thema in einem wunderbaren Spannungsverhältnis zum Ort des Geschehens steht: der Alten Parteischule in Erfurt.

Die Bezirksparteischulen waren Zentren der sozialistischen Lehre und der SED-Kaderbildung; ihr Besuch die Voraussetzung, um eine staatliche oder innerparteiliche Spitzenposition zu erreichen. Die abgeschiedene Ausbildung ihrer Nachwuchskräfte – die Erfurter Parteischule hieß im Volksmund „Rotes Kloster“ –  liess sich die Staatspartei etwas kosten. Ob Polstersessel in den Hörsälen, luftig geschwungene Hallentreppen, moderner Komfort in den „Gästezimmern“ oder Zitrusfrüchte in der Kantine –  Architektur und Ausstattung waren eine Demonstration der Priviligiertheit und Macht und gleichzeitig der Funktionalität und Sachlichkeit.

Treppe

Mit einigem Stolz verweist man auf der Webseite auf die Architektur der 70er Jahre, die Opulenz der Ausstattung, die Qualität der Materialien, die ausgestellte Kunst im Stil des sozialistischen Realismus und darauf ein denkmalgeschütztes Gebäude zu sein. Merkwürdigerweise wird mit keinem Wort eine Brücke geschlagen zur Geschichte des Gebäudes und seiner Nutzung. Architektur und Design werden hier bewußt nicht als Zeichensysteme in ihrem  historischen, (bildungs-) politischen Kontext betrachtet, sondern ahistorisch als erlebbares Event.

Hm, dann muss ich diesen Bezug wohl selber herstellen, denke ich, packe meine Koffer – und verfalle tatsächlich dem ästhetisch-maroden Charme einer Welt, die einem ohne solch handfeste und begehbare Überbleibsel zuweilen wie eine Fata Morgana erscheinen kann. Es ist als wäre die Zeit stehengeblieben und brauchte etwas Willenskraft, um mich einer unkritischen Emotionalität irgendwo zwischen Ostalgie, Nostalgie (ich bin ja selber ein Kind der 70er) und Gänsehaut entgegenzustellen. Dabei hatte ich mir etwas intellektuelle Unterstützung vonseiten der Redner*innen erhofft, die diese steingewordene Verbindung von Kultur, Bildung und Politik als Steilvorlage für das Tagungsthema hätten nutzen können. Haben sie aber nicht. Schade eigentlich.

Essaal

Die Fachtagung war dennoch interessant. Hier einige Gedanken, Anregungen und Fragen, die ich mitgenommen habe:

Wann ist Kulturelle Bildung eigentlich nicht politisch? Werden nicht immer Fragen verhandelt, die auch eine gesellschaftliche Komponente haben? Ist nicht überhaupt jedes Infragestellen und Aufbrechen gewohnter Sichtweisen und  „Wahrheiten“ etwas zutiefst Politisches? Und ist nicht auch die bewußte Abkehr von Politik am Ende – und ungewollt – ein politischer Akt? Dennoch ist es für ein Verständnis von Kultureller Bildung hilfreich und spannend, Unterschiede und Überschneidungen zwischen Kultureller und politischer Bildung ins Visier zu nehmen.

Wand

Spätestens seit den großen Flüchtlingsströmen der letzten beiden Jahre ist (nicht nur) in Deutschland eine zunehmende Politisierung der Kulturellen Bildung zu beobachten. Damit einhergehend die Forderung nach einer transkulturellen Bildung. Ich verstehe diese Forderung, frage mich aber: Braucht es nicht doch unterschiedliche Kulturen als erkennbare, abgrenzbare, wenn auch durchlässige Systeme, um den Individuen eine kulturelle Heimat, Identifikation und auch Geborgenheit anzubieten? Also doch eher Interkulturalität statt einer diese Grenzen von Kulturkreisen aufhebenden Transkulturalität. Die Antworten auf diese Fragen, so glaube ich, werden unsere Gesellschaften in den nächsten Jahrzehnten in unabsehbarer Weise prägen.

Blume_2

Schillers Utopie eines in der Kunst, im Spiel zu sich selbst findenden selbstbestimmten Individuums als Voraussetzung für den schönen  (heute würde ich sagen: den nach menschenwürdigen, rechtsstaatlichen Prinzipien funktionierenden) Staat ist – zumindest für mich – nach wie vor aktuell.

draussen

Über ein diffuses DDR-Kaderschmiede-Gefühl bin ich an diesem Tag nicht hinausgekommen. Dennoch: Architektur ist ein hervorragendes Medium, um Kultur, Geschichte, gerade auch in ihrer politischen Dimension am eigenen Leib erfahrbar werden zu lassen und im nächsten Schritt bewusst zu reflektieren.

Für Interessierte geht es hier zum Download Architektur und Gesellschaft der Bundeszentrale für politische Bildung.

 

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